Matthäus 23,37 Dienstag, Apr 14 2009 

Von Vincent Cheung

„Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tötest und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt!“


Wenn Arminianer gegen biblische Lehren wie der göttlichen Souveränität, Erwählung, Verwerfung und ähnliche argumentieren, erwähnen sie oft diesen Vers um ihre Position zu untermauern. Was Jesus „wollte“ ging nicht in Erfüllung, weil die Menschen „unwillig“ waren. Dies soll zeigen, dass der Mensch einen freien Willen besitzt, welcher den göttlichen Willen überwinden kann, so dass Gottes Wunsch letztlich enttäuscht werden kann und dass seiner Gnade erfolgreich widerstanden werden kann. Nachfolgendes wird keine bestimmte biblische Sichtweise zeigen, sondern soll nur dazu dienen zu zeigen, dass dieser Vers nicht gebraucht werden kann, um den Arminianismus zu befürworten .

Was den Calvinismus betrifft, werden wir zwei Formen unterscheiden. Wir werden eine die biblische oder konsistente Sicht nennen und die andere Form die populäre oder inkonsistente.

Konsistenter Calvinismus stimmt mit der Schrift darin überein, dass göttliche Souveränität unvereinbar mit menschlicher Freiheit ist. Und da die Schrift lehrt, dass Gott absolut souverän ist, zerstört und schließt das menschliche Freiheit vollständig aus. Der Mensch hat keinen freien Willen, er ist ganz und gar nicht frei! Es ist wahr, dass der Mensch seinen Willen ausübt. Er trifft Entscheidungen, aber sein Wille ist nicht frei. Vielmehr wird sein Wille – wie und welche Entscheidungen er trifft, direkt und kontinuierlich von Gott gesteuert, zum Guten und zum Bösen, zum Glauben und zum Unglauben. Dabei ist Gott per Definition gerecht in allen Werken die er an seinen Kreaturen ausübt. Ich habe ausführliche Studien zu dieser biblischen Sicht an anderer Stelle1 bereitgestellt.

Dann gibt es die populäre Form des Calvinismus. Diese inkonsistente Sicht besagt, dass göttliche Souveränität und menschliche Freiheit irgendwie „kompatibel“ seien. Dass moralische Verantwortung ein Maß an „Selbstbestimmung“ voraussetzt. Dass Gott einander widersprechende Wünsche hat. Dass er Dinge beschließt um Ziele zu erreichen, die seinen Wünschen entgegengesetzt sind, vermutlich um zu erreichen was er sich noch mehr wünscht. Dass Gott die Verwerfung von Individuen beschließt und so den Glauben für sie unmöglich macht, aber ihnen trotzdem „aufrichtig“ die Errettung anbietet, als ob sie glauben könnten. Dass Gott irgendwie über dem Bösen herrscht, doch in keinerlei direkter und kausaler Beziehung zum Bösen steht. Dass Adam unschuldig und unfähig zum Bösen geschaffen wurde, aber trotzdem böses tun konnte, ohne dass Gott es bewirkt hätte, so dass wir die Realität des Bösen bejahen können, aber verneinen, dass Gott eine direkte und ursächliche Kraft über dem Bösen ausübt, ohne dabei dem Deismus oder Dualismus zu verfallen. Dass wir beide Seiten eines „scheinbaren“ Widerspruchs glauben können und dass die Schrift „scheinbar“ widersprüchliche Lehren lehrt, die doch in Gottes Verstand keine echten Widersprüche sind. Wir werden keinen Versuch unternehmen, dieses unbiblische und irrationale Verwirrungspaket zu verteidigen.

Zu Beginn werden wir den Kontext herausstellen, indem unser Vers steht. Es ist ratsam das gesamte Kapitel 23 des Matthäus Evangeliums vorher zu lesen, doch wenn du die Geduld nicht aufbringen kannst, lies es nach diesem Artikel. Es wird dir helfen unsere Argumente besser zu verstehen. Lukas 13:34 ist ein Parallelvers. Dort ist der Kontext sehr ähnlich, so das eine gesonderte Behandlung nicht notwendig ist. Aus diesem Grund werde ich den Parallelvers in unserer Abhandlung hier nicht behandeln. Wenn wir mit unserer Diskussion über Matthäus 23:37 fertig sind, wirst du keine Schwierigkeiten mehr mit Lukas 13:34 haben.

Zu Beginn des Kapitels, in den Versen 1-12, trifft Jesus einigen Aussagen über die Heuchelei der Schriftgelehrten und Pharisäer. Er sagt, insofern sie das Gesetzt lehren, müssen die Menschen ihnen gehorchen. Dann fügt er hinzu, „macht es ihnen nicht gleich, denn sie reden Dinge, aber selbst tun sie nicht danach. Sie binden schwere Bürden auf die Schultern der Menschen, doch sie selbst sind nicht willig, sie auch nur mit einem Finger zu tragen“ (V. 3-4).

In den Versen 13-32 spricht Jesus sieben Weherufe gegen sie aus, jeweils gefolgt von Anschuldigungen, die er gegen sie hat. Dieser Teil des Kapitels ist entscheidend für ein richtiges Verständnis von Vers 37. Achte beim lesen dieser Verse darauf, wie Jesus einen Weheruf nach dem anderen ausspricht und beachte mit welcher Intensität er dies tut. Beachte dann auch, an wen er die Weherufe in solch unerbittlicher Weise richtet: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, Heuchler!“ Beachte dass Jesus alle Anschuldigungen an „euch“ – die Schriftgelehrten und Pharisäer – richtet. Beachte ganz besonders Vers 13, „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, Heuchler, weil ihr das Reich der Himmel vor den Leuten verschließt; ihr selber geht nicht hinein, und die hinein gehen wollen, lasst ihr nicht rein.“

In den darauf folgenden Versen 33-36, setzt er sie mit denen gleich, die durch die Geschichte Israels hindurch die Propheten ermordet haben, die Gott den Menschen gesandt hat. Er sagt, „ … damit über euch alles gerechte Blut kommt, dass auf Erden vergossen worden ist … Wahrlich ich sage euch: Dies alles wird über dieses Geschlecht kommen“ (V. 35-36). Ohne Zweifel, er bezieht sich auf die bevorstehende Zerstörung des Tempels. Der Kontext macht dies klar, denn nur wenige Verse weiter lesen wir, „Und Jesus trat hinaus und ging vom Tempel weg. Und seine Jünger kamen herzu, um ihm die Gebäude des Tempels zu zeigen. Jesus aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich ich sage euch: Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht abgebrochen wird“. Diese Vorhersage wurde 70 n. Chr. Erfüllt, in der selben Generation zu der Jesus predigte und diente, und in der selben Generation die ihn ermordete. Die Menschen wurden brutal getötet und der Tempel zerstört.

Bis zum Vers 37 hat Jesus das Thema nicht geändert. Gleich der darauf folgende Vers bezieht sich auf die Zerstörung des Tempels: „Siehe, euer Haus wird euch verwüstet gelassen werden“ (V.38). Wie wir gerade bemerkt haben, ist Jesus immer noch beim gleichen Thema wie Matthäus 24 beginnt. Mit diesem Hintergrund vor Augen sollten wir unseren Vers lesen: „Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tötest und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihr Küken unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt!“

Hier bezieht sich „Jerusalem“ nicht auf die physikalische Stadt, noch auf jede einzelne Person in der Stadt. „Jerusalem“ wird bezeichnet als eine, die die Propheten tötet, und im Kontext sind es die Leiter der Menschen inklusive der Schriftgelehrten und Pharisäer. Sie imitieren ihre Vorväter die „die Propheten töteten“ (siehe V. 29-32). In Vers 34 kündigt Jesus an, dass er ihnen Propheten und Lehrer schicken wird und diese Leiter werden sie misshandeln, so wie ihre Vorväter die alten Propheten misshandelt haben: „Siehe, darum sende ich zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrten, und etliche von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, und etliche werdet ihr in euren Synagogen geißeln und sie verfolgen von einer Stadt zur anderen.“

Zu den „Kindern“ in Vers 37, sie sind die Menschen, die unter der Autorität und Leitung dieser Leiter leben. Religiöse und politische Leiter werden in der Schrift oft „Väter“ genannt (Apg 7:2; 22:1), und die, über welche sie Macht und Einfluss ausüben, werden „Söhne“ und „Kinder“ genannt (Mt 12:27; Jes 8:18).

Uns sollte nun auffallen, dass sich dieser Vers nicht auf den Willen oder Glauben von Individuen bezieht, das Evangelium anzunehmen, andernfalls müsste der Vers folgendermaßen lauten, „Ich wollte euch sammeln, … doch ihr wolltet nicht“, oder „ich wollte eure Kinder sammeln, … doch eure Kinder wollten nicht.“ Aber der Vers sagt: „ich wollte eure Kinder sammeln, aber ihr wolltet nicht“. Es sind nicht die „Kinder“ die widerstanden, sondern „sie“ (Anm. d. Übersetzers: „sie“ bezieht sich hier auf die Pharisäer und Schriftgelehrten) widerstanden um das Sammeln der Kinder zu verhindern. Es folgt, dass dieser Vers sich auf das selbe bezieht, was schon in Vers 13 erwähnt wurde: „ihr selbst geht nicht hinein, und die hinein wollen, die lasst ihr nicht hinein.“

Arminianer mögen behaupten, dass der Mensch frei sei und verneinen, dass Gott eine Person direkt zum Glauben oder Unglauben bewegt. Doch Gott die Kontrolle abstreitend, vermuten wir, dass selbst sie nicht so dumm sind und dann andererseits den menschlichen und politischen Führern eine direkte und innere Kontrolle über die Menschen zugestehen, als ob die Pharisäer eine größere Kontrolle als Gott über die Menschen ausüben könnten, so dass sie sich erbarmen könnten über wen sie wollten und verhärten könnten wen sie wollten. Nein, es ist offensichtlich, dass die Verse 13 und 37 sich darauf beziehen, dass die religiösen Führer die Propheten auf einer rein menschlichen und äußeren Ebene hinderten, dass ihre Botschaft zu den Menschen durchdringen konnte, und dass sie die Menschen daran hinderten die Botschaft anzunehmen. Jesus spricht von einem sozialen und äußeren Einfluss, nicht von einer metaphysischen und inneren Macht.

Es folgt dann, dass das „Ich wollte“ in Vers 37 sich ebenfalls auf Jesu Beziehung zu den Führern auf einer menschlichen und äußeren Ebene bezieht. Da ist kein Hinweis in diesem Vers, dass dem göttlichen Willen oder dem göttlichen Ratschluss erfolgreich widerstanden werden kann, bloß weil jemand „unwillig“ ist. Die Bibel lehrt klar, wenn jemand „unwillig“ ist, dass Gott ihn unwillig macht (Joh 12:40; Röm 9:18, 11:7) und wenn jemand „willig“ ist, dass Gott ihn willig macht (Joh 6:44, 65). Niemand, den Gott unwillig macht, kann kommen (Joh 6:44) und niemand, den Gott willig macht, kann fernbleiben (Joh 6:37).

Der Einwand mag aufkommen, dass was dem „Ich“ in Vers 37 zugeschrieben wird, unmöglich nicht von Jesus ausgeführt sein konnte, wenn man eine rein menschliche Ebene annimmt. Doch in nahezu jedem anderen Zusammenhang, z.B. in einer Diskussion über die Gottheit Christi, würden selbst Arminianer zugestehen, dass die Schrift nicht immer akribisch genau zwischen dem unterscheidet, was Jesu göttlicher Natur zugeschrieben wird und dem was seiner menschlichen Natur zugeschrieben wird. Wir können eine Unterscheidung machen wenn es notwendig ist, doch die Schrift legt nicht immer Wert darauf.

Zum Beispiel ist in Johannes 4:10 Jesus zugleich jemand der nach Wasser fragt und jemand der lebendiges Wasser gibt. Aber in seiner göttlichen Natur konnte Jesus nicht durstig werden. In Apostelgeschichte 3:15 spricht Petrus zu den Juden: „Ihr habt den Urheber des Lebens getötet“ (NIV). Aber Jesus konnte in seiner göttlichen Natur nicht getötet werden. Natürlich ist dies kein Problem für die Inspiration der Schrift, noch für die Gottheit Christi oder für die Lehre der Menschwerdung Jesu. Vielmehr bezeugt dies, dass die göttliche und menschliche Natur in der Tat aufs engste in Christus vereint sind, und doch bleiben sie unterscheidbar, so dass es keine Vermischung oder Verwirrung gibt. Die eine Natur wird nicht vergöttlicht, und die andere Natur wird nicht vermenschlicht.

Auf jeden Fall ist es möglich, diesen Einwand mit dem Vers selbst zu beantworten. Beachte, dass das Senden der Propheten nicht dem „ich“ zugeschrieben wird, vielmehr nur das Sammeln der Kinder wird dem „ich“ zugeschrieben. Und da das Sammeln sich auf den Dienst auf einer menschlichen und äußeren Ebene bezieht, erfordert es kein göttliches Subjekt. Die Tatsache, dass ein Dienst auf einer menschlichen Ebene widerstanden wird, sagt nichts über göttliche Souveränität oder menschliche Freiheit auf der metaphysischen Ebene aus.

Obwohl wir weitere Details an die Oberfläche bringen könnten um unsere Position zu stärken, ist unsere derzeitige Anstrengung mehr als ausreichend. Wir haben gezeigt, dass dieser Verse der Irrlehre des Arminianismus keine Unterstützung gibt. Wir drängen die Anhänger dieser Irrlehre dazu, ihr humanistisches Denken aufzugeben um die biblische Lehre zu ergreifen.

Auch kann die falsche Sicht des inkonsequenten Calvinismus hier keine Zuflucht finden, da unsere Position gleichermaßen gegen sie und ihren Missbrauch dieses Verses verwendet werden kann, zum Beispiel gegen ihre Lehren des „aufrichtigen Angebots“ (engl. sincere offer, Anm. d. Übersetzers) des Evangeliums oder der Spannung zwischen sich widersprechenden Wünschen im Verstand Gottes. Wir drängen die Anhänger dieser anti-biblischen Theologie dazu, ihr absurdes Denken zu verwerfen und letztlich alle Spuren der arminianischen Irrlehre aus ihrem Denken zu entfernen.

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1 http://www.vincentcheung.com – Systematic Theology 2003; Ultimate Questions 2004; Presuppositional Confrontations 2003 (Anm. des Übersetzers)

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Übersetzt von Willi Dyck

Vincent Cheung ist Autor von mehr als dreißig Büchern wie auch von hunderten Vorträgen und Predigten über ein weites Themengebiet. Unter seinen Veröffentlichungen sind grundlegende Texte über christliche Theologie, Philosophie, Apologetik, praktisches Leben als Christ und eine wachsende Anzahl an Kommentaren zu biblischen Büchern. Er ist der Lehre der Inspiration und Unfehlbarkeit der Schrift verpflichtet und folglich allen Lehren der Schrift – dass Gott über allen Dingen und jeden Verstand souverän ist, dass der Nichtchrist ungerecht und ohne Verstand ist, dass Jesus Christus der einzige Weg zur Errettung ist, dass der Gläubige ewiges Leben hat und in den Himmel aufgenommen wird und dass der Ungläubige zu ewigen Qualen im Feuer der Hölle verdammt ist. Durch seine Veröffentlichungen rüstet er Christen dazu aus, die biblische Weltanschauung als ein allumfassendes und kohärentes Denksystem – offenbart von Gott in der Bibel, zu verstehen, umzusetzen und voranzutreiben. Er und seine Frau Denise, wohnen in Boston, Massachusetts.

Wie kann ich wissen, daß ich das Evangelium verstanden habe und daß ich erwählt bin? Freitag, Jan 4 2008 

Erstens, wenn das Wort Gottes mit göttlicher Kraft in die Seele gedrungen ist, so daß die Selbstzufriedenheit zerbrochen und die Selbstgerechtigkeit aufgegeben wurde. Zweitens, der Heilige Geist überführt mich meines traurigen, schuldigen und verlorenen Zustandes. Drittens, hat er [der Heilige Geist] mir die Angemessenheit und Genügsamkeit Christi offenbart, meinem verzweifelten Zustand zu begenen und durch einen göttlich gegebenen Glauben, der mich dazu bringt IHN [Christus] zu ergreifen und auf IHM [Christus] zu ruhen als meine einzige Hoffnung. Viertens, an den inneren Zeichen meiner neuen Natur – Gott zu lieben, ein Appetit auf geistliche Dinge, ein Streben nach Heiligkeit, ein Trachten nach Christi Gesinnung. Fünftens, durch den Wiederstand der neuen Natur gegen die Alte, Haß und Ablehnung gegen Sünde. Sechstens, durch Meiden von allem was Gottes Wort verurteilt und durch aufrichtiges Bereuen und demütiges Bekennen aller Übertretungen. Versagen an diesem Punkt wird mit Sicherheit unsere Gewißheit schmälern, und der Heilige Geist entzieht sein Zeugnis. Siebtens, durch das Aufbringen allen Fleißes die christlichen Gnadengaben mit größter Sorgfalt zu gebrauchen bis zum Ende meines Lebens.

Auf diese Weise nimmt das Wissen um die Erwählung zu.

Von Arthur W. Pink, Monergism.com