Von Vincent Cheung
„Denn solches ist gut und angenehm vor Gott unsrem Retter, welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1Tim 2,3-4)
Im Neuen Testament liegt eine starke Betonung darauf, dass das Evangelium in einem bestimmten Sinn „für alle Menschen“ ist und dass Gott „alle Menschen“ retten will. Klar ist, in welchem Sinn es gemeint ist. Dennoch wurde diese Betonung oftmals falsch dargestellt, weil viele Menschen nachlässig und unehrlich bei der Auslegung der Schrift sind, indem sie es unterlassen die Zusammenhänge solcher Passagen und die biblischen Motive, die für eine korrekte Auslegung relevant sind, zu beachten.
Zur Verdeutlichung, die Schrift lehrt, dass der Arm Gottes nicht zu kurz ist. Es wäre naiv daraus zu schlussfolgern, dass Gott einen physischen Arm oder gar einen physischen Körper hat. So eine Schlussfolgerung nimmt den Text der Schrift nicht ernst, sondern missachtet das Gesamtzeugnis der Schrift über das Wesen Gottes, welcher Geist und ohne eine physische Form und Materie ist. Wenn der Text im Zusammenhang der ganzen Schrift gelesen wird, dann wird deutlich, dass dieser Ausdruck eine Metapher ist, die ausdrücken soll, dass Gottes Kraft groß und sein Einflussbereich umfangreich ist.
Nun wenden wir uns zwei Details in Paulus’ Aussage zu. Das Erste ist seine Erwähnung von Gottes Willen und das Zweite ist die Bedeutung von „alle Menschen“. In dieser kurzen Abhandlung können wir nicht alle Details behandeln, doch wir können zu einem Schluss kommen, der uns befähigt, die Hauptlektion dieser Textpassage zu verstehen.
Die Bibel lehrt, dass Gott alles beschließt zu tun, was Er sich wünscht und dass Er alles ausführt, was Er beschließt. Mit anderen Worten, wenn Gott etwas wünscht wird es gewiss passieren. Niemand kann Seiner Macht widerstehen. Seinen Plan kann nichts durchkreuzen. Daraus folgt, wenn Gott „alle Menschen“ in dem Sinn retten will, dass Er es auch beschließt, dann sollen gewiss „alle Menschen“ gerettet werden.
Eine weitere mögliche Interpretation des Willens Gottes in diesem Vers ist, dass Paulus sich auf Gottes moralisches Gebot bezieht. Ein moralisches Gebot ist lediglich eine Definition von Recht und Unrecht und von Pflicht. Es beschreibt weder was Gott beschlossen hat, was passieren soll, noch sagt es, was Er bewirken will. Als Paulus den Athenern (Anm. d. Übersetzers: siehe Apostelgeschichte Kapitel 17, Paulus’ Rede auf dem Aeropag) sagte, dass Gott nun allen Menschen überall befiehlt Buße zu tun, meinte er nicht, dass Gott nun bewirkt dass alle Menschen überall Buße tun, sondern, dass Er allen Menschen überall gebietet Buße zu tun. Selbstverständlich war Buße eine Forderung von Anfang an, doch bis zu dieser Zeit hatte Gott noch nicht bewirkt, dass dieser Befehl allen Menschen überall kundgetan wird.
Nun gibt es auch zwei mögliche Bedeutungen für „alle Menschen“. Paulus könnte alle Individuen meinen, das heißt jede einzelne Person der gesamten Geschichte. Oder Paulus spricht im Einklang mit der ganzen Schrift und bezieht sich auf alle Arten von Individuen, das heißt, Individuen aus jeder Rasse, jedem Geschlecht, jeder Klasse und jeder weiteren Klassifikation. Was er hier meint, bestimmt auch die mögliche Bedeutung von Gottes Willen. Zur Verdeutlichung, wenn Paulus alle Individuen meint, dann kann er nicht Gottes Ratschluss meinen wenn er davon spricht, dass Gott alle Menschen retten will. Der Grund dafür ist, dass Gottes Ratschluss immer wirksam ist. Wenn Gott beschließt alle Individuen zu retten, dann werden alle Individuen gerettet werden. Doch viele Schriftstellen lehren uns, dass abertausende Individuen nicht gerettet werden. Daraus folgt, wenn Paulus alle Individuen meint, dann kann er sich nicht gleichzeitig auf Gottes Ratschluss beziehen. Diese Kombination ist ausgeschlossen.
Wenn Paulus sich auf alle Individuen bezieht, dann muss sich seine Erwähnung von Gottes Willen auf Gottes moralisches Gebot beziehen. Das heißt, wenn Paulus von allen Individuen spricht, dann geht es ihm darum, dass es Gottes Befehl ist, dass alle Individuen das Evangelium glauben. Für sich genommen ist wahr, da Gott tatsächlich von jedermann fordert, an das Evangelium zu glauben. Wie auch immer, in diesem Vers ist diese Kombination unwahrscheinlich, weil das nicht die Redeweise ist, die Paulus verwendet. Er sagt nicht, Gott „will“, dass „alle Menschen“ glauben, sondern, dass Er will, dass „alle Menschen“ gerettet werden. Wenn Paulus an eine moralische Pflicht denkt, dann wäre der Gebrauch der Ausdrücke „Glauben“ und „Buße“ geeigneter und so sprach er zu den Athenern. Da es unwahrscheinlich ist, dass Paulus Gottes moralisches Gebot meint, ist es auch unwahrscheinlich, dass er hier sagt, dass Gott von allen Arten von Menschen fordert, dass sie gerettet werden.
Die einzige Kombination, die dem Text gerecht wird ist die, dass Paulus Gottes Ratschluss und nicht Gottes moralisches Gebot meint, und dass er Gottes Ratschluss alle Arten von Menschen zu retten, und nicht alle Individuen, meint. Mit anderen Worten, es ist Gottes Ratschluss, dass alle Arten von Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Weil dies sein Ratschluss ist, wird es auch passieren. Und in der Tat passiert dies seit der Zeit des Apostels. Dies befindet sich nicht nur im Einklang mit der Betonung des restlichen Neuen Testaments, sondern stimmt auch mit dem unmittelbaren Kontext überein. Wenn Paulus die Gläubigen auffordert „für jedermann“ zu beten, meint er alle Arten von Menschen, nicht nur für die Armen und Unterdrückten, sondern auch „für Könige und die in hoher Stellung“. Einige Verse später schreibt Paulus, dass er ein Lehrer der Heiden ist. Dies stimmt wiederum mit seiner anhaltenden Betonung überein, dass die Wahrheit nicht allein den Juden gepredigt werden soll.
Das Neue Testament tritt den Einschränkungen wiederholt entgegen, die die Menschen an die Reichweite der Errettung legen und es drängt sie dazu ihr Denken zu erweitern. Menschen unterhalten diese Einschränkungen in ihrem Verstand aufgrund von Vorurteilen, elitaristischer Einstellung, Traditionen und so weiter, doch die Einschränkungen wurden nicht auf Individuen als solche angewandt, sondern auf ganze Gruppen von Menschen definiert nach Rasse, Geschlecht, Klasse und anderen Kategorien. Mit anderen Worten, wenn die Bibel von dem Atem der Gnade Gottes spricht, hat sie nicht eine Debatte wie „einige Individuen vs. alle Individuen“ sondern eine Debatte über „einige Gruppen vs. alle Gruppen“ im Sinn.
Tatsach ist, wenn es um Individuen geht, besteht die Bibel darauf, dass Gott nicht will und nicht beschlossen hat, alle Individuen zu retten. Sie sagt sogar im Römerbrief Kapitel 9, dass Gott ausdrücklich einige Individuen zum Verderben bereitet hat und ihre individuelle Verdammnis beschlossen hat. Daher ist der „einige Individuen vs. alle Individuen“ Kontrast in unserem Text nicht das Thema und ist auch niemals der Kontext wenn gesagt wird, dass Gott „alle“ retten will.
Viele Menschen sind dem Denken der biblischen Schreiber entfremdet und stülpen dem Text ihre eigenen Kategorien über. Ihr eigenes Denken dreht sich ständig um die Rettung von Individuen und sie glauben die Bibel meine alle Individuen wenn sie von „allen Menschen“ spricht. Sie nehmen die Schrift in Beschlag um ihre eigene Agenda voranzutreiben. Dabei verdrehen sie die wahre Intention und Bedeutung der Schrift, rauben ihr ihre Kraft und Weisheit und glauben sie erweisen Gott einen Dienst durch die Verbreitung der Irrlehre, Gott wolle alle Individuen retten. Demgegenüber steht das wahre Anliegen der Apostel, die Vorurteile der Menschen abzubauen und ihre Einstellung bezüglich der Arten von Menschen die Gott beschlossen hat durch seinen Sohn Jesus Christus zu retten, zu korrigieren.
Über den Autor
Vincent Cheung ist Autor von mehr als dreißig Büchern wie auch von hunderten Vorträgen und Predigten über ein weites Themengebiet. Unter seinen Veröffentlichungen sind grundlegende Texte über christliche Theologie, Philosophie, Apologetik, praktisches Leben als Christ und eine wachsende Anzahl an Kommentaren zu biblischen Büchern. Er ist der Lehre der Inspiration und Unfehlbarkeit der Schrift verpflichtet und folglich allen Lehren der Schrift – dass Gott über allen Dingen und jeden Verstand souverän ist, dass der Nichtchrist Ungerecht und ohne Verstand ist, dass Jesus Christus der einzige Weg zur Errettung ist, dass der Gläubige ewiges Leben hat und in den Himmel aufgenommen wird und dass der Ungläubige zu ewigen Qualen im Feuer der Hölle verdammt ist. Durch seine Veröffentlichungen rüstet er Christen dazu aus, die biblische Weltanschauung als ein allumfassendes und kohärentes Denksystem – offenbart von Gott in der Bibel, zu verstehen, umzusetzen und voranzutreiben. Er und seine Frau Denise, wohnen in Boston, Massachusetts.
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